Ich bin viele –

Wer kennt das nicht? Gerade fühle ich mich groß, kraftvoll, dem Leben gewachsen. Dann wandelt sich meine Stimmung, und ich fühle mich – z.B. mitten in einem wichtigen Meeting – klein, unbedeutend und traue mich kaum, etwas zu sagen. Es ist, als sei ich ein Anderer geworden. Und ehe ich mich versehe, taucht auch noch eine Stimme in mir auf, die mich beschimpft, über mich richtet, weil ich so klein bin in diesem Meeting. Es ist, als würden mehrere Personen miteinander ringen. Was ist die „normale“ Reaktion in einer solchen Situation? Mit den schlechten Teilen, mit dem, der sich klein fühlt und dem Richter will ich nichts zu tun haben. Ich will der Gute, der Große, Kraftvolle sein! Gelingt das? Nein!

Alle sind wertvoll

Aber vielleicht geht es gar nicht um gut und schlecht. Was, wenn jeder von uns aus vielen eigenständigen und sehr unterschiedlicher Teilen besteht, die uns zu dem oder der machen, der wir sind? Vielleicht bin ich wie eine innere Familie: Manche Mitglieder verstehen sich gut, andere weniger, alle gehören dazu und haben Bedeutsames zu sagen, wenn ich sie nur zu Wort kommen lasse.

Was wäre, wenn ich in dem oben beschriebenen Meeting erkennen würde, dass da ein kleines Kind in mir ist, dass Zuwendung und Ermutigung braucht? Und was wäre, wenn ich dem Kind genau das, mitten im Meeting, geben würde und es sich beruhigt? Was, wenn dieses Kind, frei von Angst, Lebendigkeit und Freude mit in das Meeting bringen würde und gemeinsam mit dem Großen dafür sorgt, dass es gut läuft? Dann wäre alle Teile meiner inneren Familie wertvoll! Es wäre bereichernd, befreiend, nährend sie alle kennenzulernen und zum Blühen zu bringen.

Grundannahmen des IFS

Das ist der Gedanke des Internal Family System Modells, das Richard C. Schwartz entwickelt hat. In der Arbeit mit seinen Klienten wurde ihm klar, dass jeder Mensch über verschiedene eigenständige Persönlichkeitsteile verfügt, die unterschiedliche Bedürfnisse, Gedanken, Körperempfindungen und Gefühle haben. Diese Teile interagieren in ähnlicher Weise miteinander, wie es die Mitglieder einer Familie tun. Schwartz übertrug diese Sichtweise auf die Innenwelt und begann, die Multiplizität der Persönlichkeit als etwas Naturgegebenes und Wertvolles zu respektieren, statt sie als Störung zu sehen. Es ist etwas fundamental Anderes auf diese Weise auf sich zu schauen, als gegen die eigenen Teile zu kämpfen. Dann sind alle Teile gut und versuchen Gutes zu tun! Allein diese Einsicht, dieses Erkennen entspannt in einer Art und Weise, die sehr überraschend und befreiend sein kann.

Jeder Anteil ist darauf ausgelegt, eine wertvolle Rolle einzunehmen!

Ungünstige Verhaltensmuster

Im Laufe bestimmter Erfahrungen werden Teile oftmals in extreme Verhaltensmuster hineingezwungen. Ihre Art zu agieren, war einmal nützlich, weil wichtig für das Gedeihen und Überleben. Zum Beispiel versucht ein „Beschützer“ um jeden Preis die Kontrolle zu behalten, indem er einen anderen Teil mit seinen starken Emotionen wegsperrt, weil er glaubt, dass sonst das ganze System zusammenbricht. Das war möglicherweise vor vielen Jahren einmal notwendig, und der Beschützer macht immer so weiter, bis er Dank für seine anstrengende Arbeit erfährt und versteht, dass im Hier und Jetzt kein Zusammenbruch mehr droht, weil die Person längst über das Damals hinausgewachsen ist.

IFS hilft, Persönlichkeitsanteile von ungünstigen Verhaltensmustern zu befreien. Dies geschieht durch die wertschätzende Begegnung mit den Teilen und besonders durch den Kontakt des Klienten zu seinem inneren, heilen und unverletzlichen Wesenskern – dem gütigen, weisen Selbst. Erfährt beispielsweise der Beschützer Dank für sein mühsames Tun und versteht er, dass das Damals vorüber ist, wird er entlastet und das Sein entspannt sich. Dies ist unmittelbar, körperlich spürbar!

Das Selbst wird durch Bewusstheit und Selbstannahme gestärkt und ist in der Lage, die innere Familie zu heilen. Wenn auf diese Weise Harmonie und Balance im inneren System einer Person entsteht, stellt sich ein Gefühl von Frieden, Klarheit und Zuversicht ein. In der Arbeit mit dem IFS geht es nicht um Wühlen in der Vergangenheit. Es geht darum, das Selbst zu stärken und es in die Lage zu versetzen, mitfühlend und geduldig für die innere Familie zu sorgen, so dass sie blühen kann.

IFS und Coaching

Im Coaching lassen sich sehr gut Elemente des Systemischen Coaching, das Modell der inneren Familie und Meditation und Körperwahrnehmung kombinieren. Mit Hilfe von Meditation und Körperwahrnehmung gelingt es, die Teile besser kennenzulernen, ihnen zuzuhören, sie zu verstehen und zu versöhnen.

Ähnliche Beiträge