Ebenen des Gedächtnisses –

Das Gehirn operiert auf drei Gedächtnisebenen, die teilweise interoperieren, teilweise unabhängig voneinander arbeiten. Diese Ebenen sind Ausdruck des psychischen Geschehens.

  1. Explizites Gedächtnis: Das ist das, was sprachlich berichtbar ist – Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen, Bilder.
  2. Implizites, großenteils nicht sprachlich berichtbares Verhaltensgedächtnis: Das ist das, was sich im Verhalten zeigt – Fertigkeiten, Handlungs- und Fühlgewohnheiten, Denk- und Wahrnehmungsmuster. Je öfter jemand etwas tut, umso mehr entzieht es sich dem Bewusstsein, weil es in nicht zugängliche Hirnareale verlagert wird. Der Mensch versteht die Welt im Sinne dieser Gedächtnisinhalte, ohne dass er oder sie das weiß.
  3. Körpergedächtnis: Das sind körperliche Zustände, insbesondere Verkörperung von Emotionen und nonverbale Kommunikation.

Gedächtnisebenen im Coaching

Coaching muss im Wissen um die Grenzen von Coaching-Ansätzen alle drei Ebenen im Blick halten. Je hartnäckiger ein Symptom sich darstellt, umso wichtiger ist es, alle Ebenen einzubeziehen. Zum Beispiel werden dysfunktionale Verhaltensmuster häufig nicht mehr als Belastung empfunden. Das gleiche gilt für dysfunktionale Körperlichkeit, wie ständig hochgezogene Schultern, in denen sich verkörperte Emotionen zeigt.

Meist gelingt es im Coaching mit sprachlich-kognitiven Ansätzen den bewusst erlebten, unmittelbaren Leidensdruck zu lindern. Für die tiefergehende und nachhaltige Bearbeitung des Symptoms ist dies jedoch oftmals nicht ausreichend. Dazu benötigt ein Coach die Bewusstheit und Sensibilität den Ausdruck seiner Klient:innen auf der 2. und 3. Ebene zu erkennen und zu bearbeiten.

Die Wirksamkeit des Coaching wird somit neben der Haltung des Coach hin zum Klienten und seinem Werkzeugkasten ganz wesentlich von seiner Fähigkeit bestimmt, die drei Ebenen wahrzunehmen und passende Interventionsformen einzusetzen.

Ein Beispiel – Verkörperte Emotion in systemischer Aufstellung

In einer Coaching-Sitzung bearbeiten wir das Anliegen eines Klientin mit Hilfe des Systembretts. Bei der Aufstellung der für das Anliegen wesentlichen Personen, Emotionen und Haltungen zeigt sich, dass sie trotz der enormen Belastung aus Selbstständigkeit und Familie auf Probleme im Familiensystem mit dem Wahrnehmungsmuster und der Überzeugung reagiert, sie müsse alles halten. Andere Möglichkeiten kann sie nicht sehen. Entsprechend handelt sie. Natürlich stabilisiert die Klientin auf diese Weise das System, allerdings um den Preis, immer wieder über ihre Belastungsgrenze zu gehen.

Während wir dies bearbeiten, nehme ich bei der Klientin unterhalb ihrer Rippenbögen tiefe Anspannung wahr. Ich zeige ihr diese Resonanz und bitte sie dorthin zu spüren. Sie beschreibt einen großen, grauen Klumpen von Enge, Überforderung und Selbstkritik. Genau dort sitzen die verkörperte Überzeugung – sie müsse alles halten – und die damit einhergehenden belastenden Emotionen. Während sie dies beschreibt, spüre ich, wie eng die Atemräume der Klientin sind, besonders im Bereich des Zwerchfells. Wir arbeiten an der Öffnung der Atemräume, u.a. mit der umgekehrten Bauchatmung. Nach wenigen Minuten bitte ich sie, zu beschreiben, wie sie sich fühlt. Enge und Überforderung haben sich in körperliche und geistige Weite und die gütige, mitfühlende Einsicht gewandelt, dass sie das tut, was sie kann, dass sie dies gut und liebevoll tut und dass ein Darüberhinausgehen niemandem hilft.

Nach einer Abschlussmeditation im Liegen, die die Klientin mit sich versöhnt, nimmt sie die Aufgabe mit, die Öffnung der Atemräume in den entsprechenden Situationen zu üben, zu beobachten und auch zu protokollieren, wie sich das Familiensystem verhält.

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