
In den letzten Wochen habe ich mich dabei beobachtet, wie ich versucht habe, Wolken anzuschieben…
Manchmal versuchen wir, das Leben anzuschieben! Wir wollen eine Lösung finden, eine Situation ändern, eine Entscheidung erzwingen oder ein unangenehmes Gefühl loswerden: Wir wollen mit dem Willen etwas erreichen. Das ist oft hilfreich, oft auch nicht.
Wu Wei – Geschehen lassen
Die daoistische Philosophie beschreibt den Weg des Wu Wei. Wu Wei wird oft mit „Nicht-Tun“ übersetzt, was häufig missverstanden wird. Gemeint ist nicht passives Hinnehmen, sondern eine Haltung des Vertrauens auf den Fluss des Lebens, aus dem zum richtigen Zeitpunkt die angemessene Antwort bzw. Handlung entsteht.
Ich mag besonders folgende Deutung von Wu Wei: “Geschehen lassen – aus der Stille des Herzens”. In der TCM gilt das Herz als Sitz des Shen – also unserer Bewusstheit, Klarheit und inneren Präsenz. Ist das Herz unruhig, treiben uns Gedanken, Sorgen und Emotionen. Wird das Herz still, entsteht Weite und Verbundenheit. Geist und Körper folgen.
Wu Wei ist kein Ziel, es ist ein Weg, den wir beschreiten können. Wir beschreiten den Weg des Wu Wei selbst mit der Haltung des Wu Wei. Dabei werden wir immer wieder erleben, wie wir aus Wu Wei herausfallen und etwas erreichen wollen. Das ist normal, denn es ist ein Übungsweg.
Wu Wei im Qigong
Eine meiner liebsten Qigong-Formen heißt „Hände ziehen wie Wolken“. Beim Üben dieser kann man sinnbildlich versuchen, die Wolken anzuschieben. Das mache ich oft. Dann kontrolliere ich mit dem Verstand die Bewegung, will dass sie gut wird. Doch manchmal kann ich die Wolken ruhig ziehen lassen. Wenn dies geschieht, verändert sich die ganze Übung. Die Bewegung wird weicher, müheloser. Der Körper kennt den Weg. Die Hände folgen nicht mehr dem Wollen, sondern werden von einer tieferen, verkörperten Intelligenz bewegt. Das ist Wu Wei. Wenn das geschieht, läuft Gänsehaut über meinen ganz Körper. Ich werde stille und staune.
Wu Wei sickert ins Leben ein
Wu Wei ist nicht auf Qigong beschränkt. Mit der Zeit, sickert die Haltung des Wu Wei in den Alltag hinein. Zum Beispiel können wir an einer Besprechung teilnehmen, in der Haltung zu versuchen, die Wolken anzuschieben oder wir können die Wolken dort mit ruhigem Herzen ziehen lassen und wach dabei sein. Es ist erstaunlich, wie Wu Wei die Energie der Besprechung und die eigene Präsenz verändert.
Wu Wei begegnet mir nicht nur im Qigong; auch im Coaching und auch in der Trauerbegleitung. Immer geht es darum, aus der Stille des Herzens geschehen zu lassen und mit wacher Präsenz da zu sein: Wolken ziehen, ohne dass sie jemand anschiebt.
Zum Abschluss eine kleine Übung
Stelle dich hüftbreit hin. Die Knie sind locker. Stell dir vor, du stehst bis zum Bauchnabel im Wasser. Halte die Hände mit den Handflächen nach unten auf Nabelhöhe. Unter den Handflächen befinden sich zwei Bälle, die auf dem Wasser tanzen. Spüre genau hin. Wie tanzen die Bälle und mit ihnen die Hände? Aus der Stille des Herzens oder weil dein Verstand sie bewegen will? Vielleicht beginnen die Bälle ganz von selbst, sich sanft vor, zurück oder seitlich zu bewegen. Vielleicht bewegen sie sich gar nicht. Auch das gehört dazu. Wu Wei bedeutet nicht, dass immer etwas geschehen muss. Es bedeutet, wach wahrzunehmen, was gerade geschieht – ohne es zu erzwingen.


