
Wir Menschen mögen klare Verhältnisse. Wir wollen wissen, was richtig und was falsch ist. Was gut für uns ist und was weg soll. Das Leben allerdings hält sich erstaunlich selten daran:
- Ich möchte Nähe – und meine Unabhängigkeit.
- Ich wünsche mir etwas Neues – und sehne mich nach Sicherheit.
- Ich möchte mich verändern – und alles soll möglichst bleiben, wie es ist.
- Ich fühle mich angezogen – und will trotzdem weg.
Und zu allem Überfluss scheint beides wahr zu sein. Schwer auszuhalten. In der Psychologie sprechen wir von Ambivalenz: Zwei gegensätzliche Gefühle, Wünsche oder Impulse können gleichzeitig vorhanden sein. Wir neigen jedoch dazu, einen Teil von uns zum Richtigen zu erklären und den anderen wegmachen zu wollen: Ich sollte mich doch freuen – warum habe ich jetzt Angst? Ich will diese Beziehung – warum will ich mich zurückziehen?
Vielleicht muss gar nichts weggemacht werden. Vielleicht ist Leben einfach so.
Innere Widersprüche im Körper
Das Spannende ist: Diese Widersprüchlichkeit findet nicht nur in unseren Gedanken statt. Wir können sie im Körper spüren.
Vielleicht möchtest du einem Menschen ganz nah sein. Du spürst Wärme in der Brust, ein Ziehen nach vorne, ein Gefühl von Verbundenheit. Und gleichzeitig gibt es im Körper eine andere Bewegung: Enge im Bauch, Spannung in den Schultern, einen Impuls zum Zurückziehen. Beides ist da.
Die Kunst besteht darin, nicht sofort herausfinden zu wollen, was davon nun richtig ist. Vielleicht besteht sie darin, beides wahrzunehmen. Die Wärme. Die Enge. Das Hinwollen. Das Wegwollen. Ohne entscheiden zu müssen. Ohne eine Seite wegzudrücken.
Die Ambivalenz aushalten
Vielleicht liegt genau darin unsere Schwierigkeit mit inneren Widersprüchen: Wir möchten uns möglichst schnell festlegen. Nähe oder Abstand? Bleiben oder gehen? Sicherheit oder Veränderung? Eine eindeutige Entscheidung verspricht Entlastung.
Doch manchmal braucht eine gute Entscheidung zunächst etwas anderes: die Fähigkeit, die Ambivalenz auszuhalten. Wenn wir die Spannung nicht sofort auflösen müssen, sondern sie behutsam wahrnehmen und eine Weile mit ihr sein können, kann Überraschendes geschehen: Die Richtung entwickelt sich von selbst. Nicht immer und nicht unbedingt sofort. Häufig jedoch entsteht aus dem ruhigen Wahrnehmen eine Klarheit, die wir durch Nachdenken allein nicht herstellen konnten.
Aus dem Wahrnehmen entstehen lassen
Das erinnert mich an Yin und Yang: nicht entweder Yin oder Yang, sondern ein ununterbrochenes Wechselspiel zwischen beiden Polen. Vielleicht braucht es deshalb weniger inneren Kampf und mehr freundliche Aufmerksamkeit.
- Da ist meine Sehnsucht nach Nähe. Und da ist mein Bedürfnis nach Abstand.
- Da ist meine Freude. Und da ist meine Angst.
Ich muss nicht sofort wissen, welche Seite die Richtige ist. Ich kann beide Seiten da sein lassen. Beobachten und zunächst nichts tun. Nicht leicht auszuhalten – und doch oftmals das Beste, was wir tun können. Denn häufig ist die lauteste innere Stimme, die stärkste innere Aktivierung nur das, was wir in dem Moment meinen zu wollen. Doch was brauchen wir wirklich?
Eine kleine Übung
Wenn du das nächste Mal merkst, dass zwei Wünsche, Gefühle oder Impulse in dir miteinander ringen, halte einen Moment inne.
Frage dich nicht sofort: „Was soll ich tun?“
Frage dich zunächst:
„Wie fühlt sich das eine in meinem Körper an?“
Und dann:
„Und wie fühlt sich das andere an?“
Nicht analysieren. Nicht entscheiden. Nur wahrnehmen.
Vielleicht zeigt sich mit der Zeit eine Bewegung. Ein nächster Schritt. Eine Richtung. Nicht weil du sie erzwingst, sondern weil du ihr Raum gegeben hast.
Das ist Weisheit: die Kunst, Widersprüchlichkeit in sich wohnen zu lassen.


