Vor kurzem war ich am See von Saint-Croix in Südfrankreich. Oft saß ich auf einer Bank am See. Ich habe geschaut – das Wasser, das Licht, die Weite und die unglaublichen Farben. Dabei habe ich meinen Körper in all seinen Facetten wahrgenommen: ruhig, atmend, präsent.

Innen und Außen zugleich

Mein Blick war nach außen auf den See gerichtet. Gleichzeitig war meine Aufmerksamkeit nach innen gewandt, in den Körper – wahrnehmend, spürend, nicht mehr. Innen und Außen waren völlig präsent und wurden dabei eins. In solchen Momenten geschieht etwas Erstaunliches: Tiefes Einverstandensein breitet sich aus – mit dem was ist, dem was war und dem, was sein wird.

Somatic Awareness: Wenn der Körper sich selbst hört

Dieses “freundliche in den Körper schauen”, wird auch Somatic Awareness genannt, die freundliche Wahrnehmung des eigenen Körpers im Moment, poetischer formuliert: Den eigenen Körper freundlich bewohnen. Wenn wir still werden und den Körper freundlich bewohnen, passiert etwas Erstaunliches. Der Körper beginnt, nicht nur „da zu sein“. Er beginnt sich selbst zu spüren. Empfindungen tauchen auf, sind da und gehen wieder: Spannungen, Wärme, Enge, Weite, Wohlgefühl. So erzählt der Körper leise ohne Worte seine eigene Geschichte. Der Geist wird weicher und wir werden Körper.

Wuwei – Nicht-Tun und das Wesentliche geschieht

In der chinesischen Medizin spricht man von Wu Wei: Nicht-Tun, und doch wird das Wesentliche getan. Nicht, weil nichts geschieht, sondern weil absichtslose Präsenz von Körper und Geist sich entfaltet und Dinge sich ohne Absicht, ohne aktives Tun ordnen.

Der Kondor am See

Morgens am See habe ich beim Qigong oft den Kondor, der seine Schwingen ausbreitet geübtDas Fließen in dieser Bewegung, die Weichheit und Harmonie hatten eine neue Qualität. Es war, als übte ich eine bisher unbekannte Figur. So ist es seitdem geblieben. Im Qigong erlebe ich eine Weichheit in Körper und Geist, ein Fließen zwischen Yin und Yang, von dem ich bis zum See von Sainte Croix nichts wusste. Somatic Awareness, und in mir hat sich etwas geordnet.

Eine kleine Einladung

Vielleicht magst du es ausprobieren: Setze dich an einen Ort, an dem du gerne mit ruhigem Blick einfach schaust. Während dein Blick außen ruht, bewohne deinen Körper freundlich von innen; wie eine Landschaft, die du durchwanderst. Vielleicht zeigt sich zunächst eine kleine Anspannung oder Nervosität. Das darf so sein. Vielleicht geht sie, vielleicht bleibt sie. Vielleicht taucht etwas ganz Anderes auf. Absichtslose Präsenz. Wu Wei.

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